Langlebigkeitsrisiken in der bAV

Der Begriff Langlebigkeitsrisiko bezeichnet in der betrieblichen Altersversorgung das Risiko, dass ein Betriebsrentnerkollektiv länger lebt, als dies durchschnittlich zu erwarten wäre. Hierunter kann auch das Risiko subsummiert werden, dass Hinterbliebene von Betriebsrentnern deutlich jünger sind. Denn: beiden Fällen ist gemein, dass die prognostizierten Kosten für zu erbringende Rentenleistungen überschritten werden.

Anzumerken ist, dass das Langlebigkeitsrisiko für ein Trägerunternehmen der betrieblichen Altersversorgung nur dann von Relevanz ist, wenn keine Rückdeckungsversicherungen bestehen. Somit sind folgende Durchführungswege betroffen:

  • Direktzusage ohne kongruente Rückdeckungsversicherung
  • Nicht kongruent rückgedeckte Unterstützungskasse (dies ist bspw. auch der Fall, wenn die Überschussbeteiligung nicht ausreicht um die Rentenanpassungsverpflichtung nach § 16 BetrAVG zu erfüllen)
  • Pensionsfonds die nicht alle Leistungen Versicherungsförmig erbringen
  • Regulierte Pensionskassen

Um das Risiko quantifizieren zu können, sollte zunächst beleuchtet werden, wie hoch die zu erwartende Rentenbezugsdauer tatsächlich ist:

Gemäß den Heubeck Richttafeln 2005 G, welche in der bAV regelmäßig Anwendung finden, beträgt die Rentenbezugsdauer

  • einer 1970 geborenen Frau 24,3 Jahre ab Vollendung des 67. Lebensjahres
  • eines 1970 geborenen Mannes 20,6 Jahre ab Vollendung des 67. Lebensjahres

Risikotheoretische Grundlage und Handlungsoptionen

Mit identifizierten Risiken kann grundsätzlich verschieden umgegangen werden. Im Rahmen der Langlebigkeit in der bAV finden sich hierzu neben der schlichten Risikotragung 3 weitere Möglichkeiten:

  • Risikominderung: Hierunter versteht sich die Minderung des Risikos durch dafür geeignete Maßnahmen. Diese können sein:
    • Vergrößerung des Kollektivs: In einem großen Kollektiv von Versorgungsberechtigten steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Langlebigkeit einzelner durch das Vorversterben anderer kompensiert wird. Grundsätzlich gilt, dass Langlebigkeitsrisiken mit zunehmender Kollektivgröße beherrschbarer werden.
    • Minderung der Hinterbliebenenrente: Bereits seit Jahrzehnten finden sich in Versorgungsordnungen Regelungen, dass Hinterbliebenenrenten nur gewährt werden, wenn die Ehe vor dem 60. Lebensjahr geschlossen wurde (Spätehenklausel) oder der Hinterbliebene Ehegatte nicht mehr als 10 Jahre jünger ist. Solche Klauseln wurden von Arbeitsgerichten regelmäßig für nichtig erklärt, mit dem Hinweis auf Altersdiskriminierung. Bisher unbeanstandet sind Regelungen, bei denen in Abhängigkeit von der Altersdifferenz Abschläge auf die Hinterbliebenenrente vorgenommen werden, bspw. 1% Abschlag je Jahr, welches der Hinterbliebene um mehr als 10 Jahre jünger ist, als der Verstorbene.
    • Exzedentendeckung: näheres hierzu unter Risikoübertragung.
  • Risikomeidung: Die Vermeidung des Langlebigkeitsrisikos kann dadurch erreicht werden, dass an Stelle von Altersrenten ein Alterskapital zugesagt wird, welches einmalig oder in mehreren Raten zur Auszahlung kommt.
  • Risikoübertragung: Die Rentenzahlungsverpflichtung kann an einen Versicherer übertragen werden. Hierzu muss im Rahmen des gewählten Durchführungsweges eine kongruente Rückdeckungsversicherung bestehen. Die Kongruenz ist in der Praxis nicht immer leicht herzustellen. Jedoch können ggf. bestehende Abweichungen bei Rentenbeginn per Einmalbeitrag ausgeglichen werden. Alternativ wird das bestehende Restrisiko vom Trägerunternehmen selbst getragen.
    • Exzedentendeckung: Unter einer Exzedentendeckung versteht man die Absicherung von Risikospitzen. Der Begriff stammt ursprünglich aus der Haftpflichtversicherung. Aber auch in der bAV ist es denkbar sich nur gegen Belastungsspitzen der Langlebigkeit zu versichern. So besteht die Möglichkeit Rentenversicherungen abzuschließen, deren Rentenzahlung erst mit Vollendung des 85. Lebensjahres beginnt. Bis zu diesem Zeitpunkt trägt das Trägerunternehmen der bAV selbst die Rentenzahlungen (und den Versicherungsbeitrag). Vorteil dieser Gestaltung ist ein deutlich verminderter Versicherungsbeitrag. Zudem wird die Versicherung nur bei tatsächlich lang lebenden Rentnern wirklich beansprucht. Bei Vorversterben der versicherten Person sorgt bspw. eine Beitragsrückgewähr für einen Kapitalrückfluss an das Trägerunternehmen.

Einzelrisiken

Wie bereits erörtert sorgt ein größeres Kollektiv für einen gewissen Risikoausgleich und trägt so zu einer Risikominderung bei. Hierbei ist jedoch zu berücksichtigen, dass dies nur bei homogenen Versorgungshöhen funktioniert: Sofern im Bestand der Versorgungsberechtigten Einzelrisiken mit besonders hohen Versorgungszusagen vorkommen, tragen diese zu einer erhöhten Volatilität des Verpflichtungsbestands bei und bergen zudem das Risiko für kaum ausgleichbare Lastspitzen. Sofern zwingend Rentenleistungen vereinbart werden sollen, empfiehlt es sich zumindest für diese Einzelrisiken Rückdeckungsversicherungen abzuschließen.

Fazit

Langlebigkeitsrisiken werden durch größere Kollektive tragbarer. Für einzelne Personen mit großer Versorgungshöhe sollte (zumindest teilweise) eine Rückdeckungsversicherung abgeschlossen werden, wenn das Unternehmen die Langlebigkeitsrisiken nicht selbst tragen möchte.